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Rauschebärte

Brief aus Brooklyn

Zum Gedenken an einen Held Gottes

Von Hannes Stein 5. Januar 2009, 02:12 Uhr

Vor dem roten Backsteinhaus am Eastern Parkway hat sich eine schwarze Menschentraube angesammelt: Bärtige Männer in Anzügen mit Hüten stehen auf dem Gehweg herum und gestikulieren, zwischen ihnen wuseln Kameraleute herum, eine blonde Lady schiebt ihren Notizblock vor sich her, um sich einen Weg zu bahnen. Um 12.30 Uhr soll die Pressekonferenz beginnen.

"Was ist denn hier los?" will einer der Bärtigen von seinem Freund wissen. "Der Messias kommt bald. Das ist hier los", antwortet sein Freund.

Der Messias wird unter Blut und Schmerzen geboren. Er kommt entweder in eine völlig gerechte oder in eine völlig heillose Welt. Die weisen Rabbiner des Altertums sagten sinngemäß: Es wird zwar schön sein, in der messianischen Epoche zu leben, aber die Zeit unmittelbar davor wird unvorstellbar grauenhaft. Gog und Magog. Krieg und Terror. Der junge Rabbi und seine hübsche Frau sind tot. Islamische Fanatiker in Mumbai haben sie ermordet. Ihr kleiner Sohn Moshe kam davon, er flüchtete mit ein paar anderen Leuten, seine Hosen sollen mit Blut getränkt gewesen sein. Gavriel hieß der Rabbi, dieser Vorname bedeutet übersetzt: Held Gottes. Seine Frau hieß Rivka. Die beiden gehörten der weltweiten Bewegung der Lubawitscher an, die hier am Eastern Parkway von Brooklyn ihr Zentrum hat.

Die Lubawitscher missionieren - natürlich nicht unter den Gojm, Gott bewahre, aber unter den Juden. Sie versuchen, alle Söhne und Töchter Israels mit Charme und List zu überreden, dass sie alle 613 Gesetze halten, die Gott seinem auserwählten Volk geboten hat, damit bald der Heiland kommt. Geht man zum Zentrum der Lubawitscher in Brooklyn, kommt man an einer gelben Flagge vorbei, die heftig im Wind flattert. Auf ihr ist eine Krone abgebildet, darunter steht nur: "Moshiach" - Messias.

Die Pressekonferenz findet in der Eingangshalle des jüdisch-frommen Kindermuseums gleich neben dem Lubawitscher-Hauptquartier statt. Kameraleute stehen im Halbkreis und haben ihre Gerätschaften aufgebaut. Handys klingeln.

"Jesus Christus", flucht ein schwarzer Techniker, sein Kollege ermahnt ihn: "Dies ist ein jüdisches Haus!" Ein Typ mit Baseballkappe und Brille bemerkt lässig: "Na und? Er war schließlich auch einer von uns."

Mit einer Viertelstunde Verspätung treten mehrere würdige alte Herren mit Rauschebärten vor die Mikrofone. Der erste Redner betont, wie erfolgreich der junge Rabbi und seine Rivkah in Mumbai gewesen seien, wie offen das Haus war, das die beiden führten. Die Lubawitscher gehen ganz bewusst auch dorthin, wo es kaum Juden gibt, um jüdische Seelen mit Hühnersuppe und Schabbatgottesdiensten zu stärken. In Mumbai waren sie nicht nur für die winzige örtliche Judengemeinde da, sondern ebenso sehr für die Durchreisenden, Israelis vor allem. Die beiden stammten selbst aus Israel. Nun meldet sich Moshe Kotlarsky zu Wort, der als Vizepräsident das Erziehungsprogramm der Lubawitscher leitet. "Gavriel war ein lieber, ein freundlicher Mensch", sagt er, "er hatte für jeden ein Lächeln übrig" - dann kann er nicht mehr, die Tränen ersticken seine Stimme. Die Lubawitscher, heißt es, werden sich kollektiv um den kleinen Moshe kümmern, der gerade in dieser Zeit seinen Geburtstag feiert und der nun als Waise aufwachsen wird.

Das letzte Telefongespräch, das der junge Rabbi führte, als er schon in der Gewalt seiner Mörder war, galt dem israelischen Konsulat. "Hamatzaw lo tow", sagte er, "die Lage ist nicht gut". Dann brach das Gespräch ab.


Quelle: http://www.welt.de/welt_print/article2971351/Zum-Gedenken-an-einen-Held-Gottes.html

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